Jedes Jahr verleiht DIE GROSSE den Kunstpreis der Künstler. In der regionalen Kunstszene hat diese Ehrung eine besondere Bedeutung: Anders als vergleichbare Auszeichnungen, die meist von Museumsfachleuten stammen, wird der Preis von Künstler*innen vergeben und ist somit Ausdruck einer kollegialen Wertschätzung.
Dieses Jahr erhält Bart Koning den Kunstpreis der Künstler. Koning wurde 1957 in Amsterdam geboren. In den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren studierte er in Utrecht und Amsterdam, seit 1992 lebt und arbeitet er in Krefeld. Künstlerisch sozialisiert wurde Koning also in der Zeit der sogenannten »heftigen Malerei«, als die Neuen Wilden ihren Siegeszug in der Kunstwelt antraten. Konings frühe Bilder – monumentale Experimente, entstanden in einem Malkollektiv – zeugen von diesem gestisch-expressiven Einfluss. Allerdings entwickelte sich der Niederländer anders als seine Kollegen. Während Penck, Middendorf, Lüpertz oder Fetting weiterhin explosiv vor die Leinwand traten, wurde Koning immer sachlicher und aufmerksamer. Anstatt sich dem damals vorherrschenden Pathos anzuschließen, richtete er seinen Blick lieber auf die Textur einer Zitrone oder auf das Gefieder eines Schwans. Dieser Haltung ist er bis heute treu geblieben.
Konings Malerei ist geprägt von Reduktion, von einer bewusst sparsamen Inszenierung der Dinge, die er sich malend aneignet. Die wochenlange Beschäftigung mit einem einzelnen Objekt führt zu einer intensiven, fast kontemplativen Zuwendung. Es geht um Wahrnehmung, um das langsame Erschließen von Formen, Farben, Strukturen, Übergängen. Nach Stunden konzentrierter Arbeit erkennt der Maler kleinste Nuancen, minimale Verschiebungen im Licht, feinste Unterschiede in der Oberfläche. Diese Praxis knüpft an eine phänomenologische Haltung an, wie sie die Malerei des Goldenen Zeitalters in den Niederlanden geprägt hat: Alle Erkenntnisse leiten sich von der sinnlichen Wahrnehmung ab, das Verständnis der Welt beginnt bei der genauen Betrachtung des Sichtbaren. Eine weltfremde Antiquiertheit in dieser Malerei zu vermuten wäre jedoch falsch.
Konings Referenzen beschränken sich nicht auf Van Eyck, Van der Weyden oder Rembrandt. Er schätzt ebenso zeitgenössische Positionen wie Michaël Borremans, Rineke Dijkstra oder Neo Rauch – Künstler*innen, die Emotionalität mit zurückhaltenden Mitteln formulieren, oder eine vergleichbare Hingabe an das malerische Handwerk zeigen wie Koning selbst. Seine Malerei ist keine nostalgische Rückwendung, sondern eine bewusste Entscheidung für handwerkliche Kon-sequenz und für eine ernst genommene Wahrnehmung. Zudem schafft Koning den kühnen Konnex zwischen der Präzision der klassischen niederländischen Malerei und der Distanziertheit der Neuen Sachlichkeit der 1920er-Jahre. Die kargen Hintergründe und die aseptisch anmutenden Räume, in denen er seine Sujets platziert, strahlen eine objektive, nahezu entemotionalisierte Kühle aus, die erstaunlich modern wirkt. Es ist, als flössen zwei Zeitebenen ineinander, die jeweils eine besonders intensive Auseinandersetzung mit der Realität gesucht haben. Diese bewusste Zurücknahme des Gestischen, dieses konsequente Vermeiden von Effekt, Drama und Überhöhung, verleiht Konings Malerei eine stille Konzentration. Nichts drängt sich in den Vordergrund, nichts will beeindrucken – alles bleibt dem genauen Sehen verpflichtet. Die Bilder wirken kontrolliert, gesammelt, fast asketisch.
Auch in der Motivwahl bleibt Koning nüchtern. Seine Stillleben und Tierdarstellungen verzichten auf symbolische Überfrachtung, auf versteckte Metaphern oder allegorische Aufladungen. Die Dinge sind, was sie sind. Doch gerade in dieser scheinbaren Einfachheit liegt die Stärke der Arbeiten. Die Motive dienen als Anlass, als Ausgangspunkt für die malerische Auseinandersetzung. Nicht die Bedeutung der Dinge steht im Vordergrund, sondern die Art und Weise, wie sie gesehen und gemalt werden. Die Malerei selbst ist das eigentliche Thema dieser Malerei. Konings Werk zeigt, dass Konzentration, Langsamkeit und handwerkliche Strenge keine Relikte vergangener Zeiten sind, sondern zeitgenössische Haltungen sein können. Seine Bilder fordern keine schnelle Lektüre, sondern ein genaues Hinsehen. Sie laden dazu ein, sich Zeit zu nehmen – für die Dinge, für das Sehen, für die Malerei selbst.
Dr. Emmanuel Mir, März 2026



Alle Teilnehmer*innen der Ausstellung, die maximal 35 Jahre alt sind und noch am Beginn ihrer Karriere stehen, haben die Chance für den Förderpreis ausgewählt zu werden. Über diesen wird nach den Jury-Tagen vom Vorstand des VzVvK e.V. abgestimmt. 2026 fiel die Wahl auf Max van Dorsten,
Noch im letzten Sommer gehörte van Dorsten der Gruppe von Studierenden der Kunstakademie Münster an, die zur DIE GROSSE 2025 eingeladen wurde. Der Nachwuchsfotograf zeigte kleine Nachtszenen suburbaner Landschaften mit artifiziellen und markanten Lichteffekten. Ein Jahr später kehrt er als Meisterschüler von Cornelius Völker zurück und erhält den Förderpreis der DIE GROSSE. Diese Geschichte der Kontinuität und der Verbundenheit passt gut zu unserer Ausstellung, die von der langfristigen Beziehung zu den Kunstschaffen-den der Region lebt. Schon 2025 war Max van Dorstens Arbeit besonders aufgefallen. Sie bildete nämlich die einzige fotografische Position aus einer Gruppe, die sich ganz der Malerei widmet.
Am Anfang seines Studiums malte van Dorsten noch klassisch in Öl und konstruierte in seinen Kompositionen einen bühnenhaften Raum, der von starken Licht- und Farbakzenten definiert wurde. Schnell merkte er jedoch, dass die Fotos, die er als visuelle Stütze für seine malerische Arbeit nutzte, nah genug an seiner Intention standen und keine weitere mediale Übersetzung benötigten. Er konzentrierte sich von da an auf die Fotografie.
Van Dorstens Kunst verortet sich in einem Dazwischen, am Übergang der Fotografie zur Malerei. Ihren Bezug zur Abstraktion – insbesondere zur Hard Edge-Malerei der 1960er und 1970er Jahre – merkt man den klein- und mittelformatigen Fotografien an. Mithilfe von digitalen Werkzeugen verändert van Dorsten die Farbigkeit und die Lichtsituation seiner Aufnahmen, bis der Raum reduzierter und flacher erscheint. Das Schwarze der Nacht bildet den kontrastreichen Hintergrund, worauf sich ein vereinfachtes Hausprofil, ein grell beleuchteter Busch oder die stille Fassade eines Gebäudes abheben. Durch die Manipulierung der Helligkeits- und Sättigungswerte des Bildmaterials entsteht eine befremdliche Künstlichkeit, welche die Nachtszenen in die Nähe eines Krimi- oder Gruselfilms rücken lassen. Aber das Atmosphärische oder Narrative interessiert Max van Dorsten wenig – für ihn sind die Motive ein Anlass, sich mit Formfragen auseinanderzusetzen.
Dr. Emmanuel Mir, März 2026


